Der durchschnittliche Charakter

Ich habe gestern angefangen das Buch Verknallt in Camille von Mirjam Müntefering zu lesen. Es ist ganz klar ein Buch für junge Menschen, vornehmlich wohl für Mädchen, obwohl ich es auch in Ordnung fände, wenn es Jungs lesen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Im ersten Kapitel wird Femke, die Ich-Erzählerin und somit Hauptperson dieser Geschichte, sowie Iris und Dunja, die beiden besten Freundinnen von Femke, vorgestellt. Klar, irgendwann muss das mal sein und warum nicht gleich im ersten Kapitel. Aber darum geht es ja nicht 🙂

Femke wird als durchschnittliches Mädchen beschrieben. Und da wurde ich persönlich schon ein wenig stutzig. Warum wird die Hauptperson (meistens ist es sogar egal ob weiblich oder männlich) meistens als durchschnittlich beschrieben, besonders was ihr Aussehen betrifft? Sie sind nicht überragend schön, also die Klassenschönheit. Eher sind sie das hässliche Entlein. Ausnahmen sind Personen, die in der sogenannten Hohen Gesellschaft zu Hause sind und am Ende zu neuen Menschen werden, nachdem man sie als arrogante Pute kennengelernt hat.

Und haben wir es hier mit einem hässlichen Entlein zu tun, wird aus ihr eines Tages ein wunderschöner Schwan.

Gestern habe ich mir überlegt, aus der Kurzgeschichte für den Hierrath Verlag einen kurzen Roman zu schreiben. Und einfach mal ins Blaue habe ich angefangen meinen Hauptcharkater zu formen. Das Ergebnis der ersten Überlegung war, sie ist durschnittlich. Nicht besonders hübsch, nicht besonders beliebt.

Da habe ich mich gefragt, warum eigentlich? Warum macht man aus der Hauptperson nicht ein hübsches, intelligentes Mädchen oder auch einen hübschen, intelligenten Jungen? Die Hauptperson darf scheinbar nicht gewisse Qualitäten verfügen. Ich vermute mal, dass es genügend AutorInnen gibt, die dann befürchten einen Mary Sue Charakter zu entwickeln.

Für alle, die nicht wissen wer Mary Sue ist: Es handelt sich hierbei um ein Phänomen, die in einer Stark Trek Fan-Fiction Geschichte ihren Anfang nahm. Mary Sue war eine Offizierin, die Krik, Spock und McCoy in allen Belangen überlegen war und am Ende eben den Tag, aber nicht sich rettete. Da die Offizierin eben Mary Sue hieß, heißen Charaktertypen einer bestimmten Richtung ebenfalls Mary Sue Charaktere, bzw. auch Mary Sue Geschichten. Denn die Hauptperson (meistens von Mädchen und Frauen geschrieben) ist besonders hübsch, hoch intelligent und in allen ist sie eben die Beste. Die ganzen Charaktere haben in irgendeiner Art und Weise einen Bezug zu ihr. Entweder sie ist eine geheimnisvolle Schwester, Cousine oder sonstige Verwandte des Hauptcharakters oder eines interessanten Nebencharakters (bei Harry Potter könnte es entweder Harry Potter selber sein oder zum Beispiel auch Draco Malfoy). Desweiteren verlieben sich auch die wichtigen Charaktere in die Hauptperson. Und neben ihren überragenden Können, hat sie ein dunkles, schreckliches Geheimnis.

Inzwischen ist dieses Phänomen nicht mehr allein auf die Mädels zu reduzieren. Denn es gibt nun auch Harry Stu Geschichte. Die gleichen Beschreibungen die ich gerade geliefert habe, treffen hier auf die Herren der Geschichte zu. Hierbei kann es aber passieren, dass man sogenannte Shonen Ai Geschichten hier findet. Das bedeutet, dass Harry Stu und der Hauptcharakter oder der besonders interessante Chrakter eine Beziehung haben (häufig kann man die Teile wo beide sich dann näher kommen unter FSK 18 einstufen. Denn es kann teilweise sehr ordentlich zur Sache gehen (aber nicht immer findet man das nötige Niveau einer sehr guten erotischen Geschichte. Häufig hat man es mit einer, nun ja, Pornogeschichte zu tun).

Aber zurück zu dem durschnittlichen Charakter. Also haben wir ein durschnittliches Mädchen oder einen durschnittlichen Jungen. Ist dann die Befürchung, dass man den AutorInnen vorwerfen kann, sich mit dem Charakter zu identifizieren? Denn das ist ja das Problem bei den Mary Sue Geschichten. Eben nicht nur, dass man den perfekten Charakter entworfen hat, sondern eben eine fiktive Person, mit der man sich als Autorin oder als Autor identifizieren möchte, so wäre ich auch gerne.

Und das kann in der Tat eine sehr große Gefahr sein, wenn ich einen Charakter entwickle. Nicht nur, dass ich einen zu perfekten Charakter kreiere (wer will das eigentlich schon?). Nein, es könnte auch jemand sein, der meine innersten Wünsche darstellt. Ich will intelligent sein? Gut, dann ist es eben mein Charakter, wenn ich es nicht bin. Ich will wunderschön sein? Aber wenn ich es nicht sein kann, dann eben mein Charakter. Man projiziert sich früher oder später selber in die Geschichte hinein und das mit einer Wunschvorstellung. Und für viele Leserinnen und Leser (gerade bei Fan Fiction kann man das nachvollziehen, denn die werden am laufenden Band geschrieben) handelt es sich hierbei um das schlimmste, was man sich leisten kann.

Es gibt Menschen, die lesen Mary Sue (oder auch Harry Stu, wobei es hierbei verschiedenste Varianten gibt, so auch Barry Stu etc.), wenn die Geschichte an sich gut sind. Auch gibt es Menschen, die nur solche Geschichten lesen, aber mehrheitlich wird dieses Genre bzw. Geschichten mit solchen Charaktere abgelehnt. Aber sonst muss man rechnen, schreibt man eine Mary Sue Geschichte, dass man bestenfalls auf reine Ablehnung trifft. Schlimmstenfalls kannst du dich in der Community, wo du die Geschichte veröffentlicht hast, nie mehr blicken lassen (zumindest nicht mehr unter dem Nick). Denn viele haben nur Spott, Hähme, arrogante Verachtung für solche Autorinnen (und auch Autoren) übrig. Dabei hat die Verwendung einer Mary Sue Person nichts über die Qualität der Geschichte auszusagen.

Aber für viele scheint sie doch eine Garantin für gute (oder in diesem Fall schlechte) Ausführung und Qualität der Geschichte zu sein. Wenn ich schon eine gute Geschichte schreibe, dann kann ich mir auch die Mühe geben und einen originellen Charakter erfinden. Aber wenn wir uns die Übertreibungen der Charakterisierung ansehen, dann ist schon die Frage gerechtfertigt, ist eine Mary Sue oder ein Harry Stu Charakter wirklich originell? Immerhin retten sie nebenbei die Welt während sie dafür Sorgen, dass die Welt, in der sie sich befinden, nur um sie dreht.

Ich will ehrlich sein, schauen wir uns die Welt der Fan-Fiction an, dann ist es fast klar, warum eine Autorinnen und ein Autor unbedingt sich selber hineinbringen möchte (eine Selbsteinfügung und ein Mary Sue bzw. Harry Stu Charakter muss man trotzdem trennen). Beim Herr der Ringe hat man solch wunderschöne Bilder geliefert bekommen und durchgehend attraktive Figuren (auch ein Herr Elrond oder ein Herr Celeborn die eher durchschnittlich aussehen mögen, haben ihr heißen Verehrerinnen und Verehrer ^^). Und wenn man schon nicht im realen Leben mit ihnen zusammensein kann, dann will man wenigstens in der Fantasy, eben in den Fan Fiction ihnen näher sein.

Ein weiterer Grund, warum sich viele in der Welt der Fan-Fiction einfinden ist die Übung des Schreibens. Denn seien wir doch mal ehrlich, wer eine Geschichte schreibt wird sich früher oder später mit der Erfindung eines Charakters auseinandersetzen müssen. Bei einer Fan-Fiction Geschichte erübrigt sich die Arbeit teilweise von selbst. Warum sollte ich ein Charakter erfinden, die AutorInnen haben mir doch die Arbeit abgenommen. Und für AnfängerInnen des Schreibens bietet sich hier eine einmalige Möglichkeit das Schreiben zu üben ohne sich mit dem lästigen erfinden und auseinandersetzen der Charaktere.

Natürlich müssen die Figuren nicht automatisch eine Mary Sue oder einen Harry Stu Beigeschmack haben. So gibt es ein paar Grundregeln, welche die Schreiberlinge davor bewahren, dass sie eine solche Figur entwickeln. So sind die meisten Mary Sues unter zwanzig, kommen aus unserer Welt in die geliebte Welt (Mittelerde, nach Hogwarts) und sind eben die Stars. Alle reißen sich um sie ohne das die Figur gelernt hat, sich in der Umgebung vernünftig zurecht zu finden. Ein Herr Elrond, der seine paar Tausend Jahre auf dem Buckel trägt und mehr gesehen hat als wir uns vorstellen, wird mit Sicherheit von einem fünfzehnjähriges Menschemädchen beeindruckt sein (Achtung Ironie). Der hat bestimmt etwas besseres zu tun.

Man kann einen Charakter entwickeln, die auf sich selber beruht, man sollte es nicht übertreiben. Denn wenn man wirklich irgendwo landet, wird man nicht der Star der Gruppe, wahrscheinlicher ist es, dass man ein unliebsamer Anhängsel ist. Und damit muss man sich eben auch auseinandersetzen.

Aber was hat das ganze Mary Sue Gefassle jetzt mit dem durchschnittlichen Charakter zu tun? Eine Menge. Denn wenn ich einen Charakter entwickle, die eben perfekt ist, kann auch mir als Autorin vorgeworfen werden, dass ich mich selber in diese Figur wiedersehe. Und wenn zu viele dieser Meinung sind, dann kann es passieren, dass ein Buch negativ aufstößt und nicht gelesen wird.

„Ich habe von diesem Buch mit dem Titel XYZ gehört, wie ist das denn?“

„Lass die Finger davon, es ist eine Mary Sue Geschichte.“

„Okay.“

Das kann natürlich gefährlich werden. Aber andererseits, muss ich dann darauf verzichten einen besonderen Charakter zu entwickeln? Ich sehe darin auch eine Gefahr. Wenn der Hauptcharakter immer Durchschnitt ist, dann stöhnt man ja irgendwann mal auf, wenn man schon wieder solch eine Figur vor sich hat. Andererseits, die meisten Menschen, die einen solchen Roman lesen, also eher Jugendliche, sind nicht überragend schön oder derartiges. Daher ist es wichtig ihnen Vorbilder zu geben, an die man sich orientieren kann. Und ein Vorbild ist immer besser wenn diese sich an die Jugendlichen orientieren.

Das kann ich nachvollziehen. Andererseits möchte ich nicht immer die Figuren der Anderen kopieren. Daher werde ich mal wagen einen hübscheren Charakter zu entwickeln. Mal sehen wie sich die Sache entwickelt. Ich will damit niemanden auf die Füße treten, die eben durchschnittliche Charaktere entwickeln wollen. Macht es, haut in die Tasten. Ich gehe inzwischen meinen eigenen Weg. Ich hoffe du auch 🙂

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2 Kommentare

  1. Luiza said,

    9. Februar 2009 um 15:31

    hmmm. schwieriges Thema. Ich denke, die Gesellschaft zwingt uns ein wenig da rein, oder?
    Ganz besonders bei Jüngeren ist die Gefahr da, dass sie im entscheidenden Alter eine Vorbildfigur haben und dann ist es schwer, sie davon abzuhalten.
    Wenn im Laufe der Jahre dann z.B. eine Schreiblust bei diesen Leuten geboren wird, wird es nur schwer sein, einen bestimmten Heldentypen aus ihnen „herauszuprügeln“. Bis irgendwann jemand eine offene Lücke mit einer aussergewöhnlichen Idee füllt, und so weiter… Weisst Du wie ich meine?

  2. erdwurzelchen Wolfskatze said,

    9. Februar 2009 um 16:15

    Jupp, weiß ich 🙂


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